Die meisten Blätter haben bereits die Farbe gewechselt. Sie sind rot geworden, wie die Wangen der jungen Mädchen. Ob ihnen wohl etwas peinlich ist? Und sie sind gelb wie die Sonne, die sich nun immer öfter hinter den Wolken versteckt. Ob sie wohl Angst hat etwas falsch gemacht zu haben und sich deshalb nicht mehr gerne blicken lässt? Ich weiß nur, dass die Sonne nicht mehr ganz oben am Himmel steht. Das Licht strahlt nicht mehr so hell und klar wie vor einiger Zeit. Die Umgebung hat sich gewandelt. Alles wirkt grau und leblos. Und der Tod schlägt zu, mit jedem neuen kühlen Windstoß segeln weitere Blätter hinab auf die Erde. Sie üben bereits keinen Widerstand mehr aus. Sie haben ihr Schicksal akzeptiert. Sie lassen sich treiben und von den Würmern fressen, ganz ohne Wiederrede.
Doch ich bin Mensch. Ich bin frei. Ich will mich nicht treiben lassen. Ich kann mich wehren, kann dem Schicksal entfliehen, bin mein eigener Herr. Ich grause mich vor der kommenden Kälte. Ich will nicht akzeptieren, was ohnehin kommen wird. Und deshalb leide ich. Ich ziehe mich zurück in meine Wohnung und drehe die Heizung auf. Doch ich leide noch immer. Ich sehne mich nach den warmen Sommer Tagen, als wir draußen saßen bis spät in die Nacht, in den Gastgärten, um das Leben zu feiern. Heute ist auch die letzte Note der Musik verklungen, die Menschen sind verschwunden und ich bin allein mit meinen Träumen von einer besseren Zeit. Ich leide, weil ich an einem anderen Ort sein möchte, als ich bin. Ich leide, weil ich Wünsche habe, die nicht erfüllt sind. Ich leide, weil ich für Dinge kämpfe, die sich nicht erzwingen lassen. Denn die wirklich wichtigen Dinge verlieren ihre Süße und ihren Zauber, wenn sie auch nur im Ansatz erzwungen werden. Ich habe Träume. Ich will mich und die Welt verändern. Ich muss zwischen richtigen und falschen Entscheidungen wählen und mich um deren Ausgang sorgen.
Das Leben aber kennt keine Angst und keine Sorgen. Und ich bin nicht nur Mensch. Ich bin auch das Leben, das sich in Menschengestalt verkleidet hat. Ich bin ein Sandkorn und ich bin die Wüste. Ich bin ein einzigartiges Teil und die Summe aller Teile. Ich bin das Zahnrad in der Maschinerie, und wenn ich fehlen würde, könnte die Maschine nicht das tun, für das sie geschaffen ist. Ich bin eine einzelne Zelle der Erde und meine Verbindung zum Ganzen strahlt in meinem Inneren wie ein Licht, das niemals erlischt. Ich höre das Ganze wie eine innere Stimme, die immer spricht. Sie nimmt mich in den Arm und sagt, dass ich mich nicht sorgen brauche. Alle meine Entscheidungen seien die Richtigen gewesen. Ich sei perfekt, wie ich bin, so wie alles und jeder. Denn wie könnte das Einzelne nicht perfekt sein, wenn das Ganze die Perfektion selber ist.
Wenn ich die Stimme höre, dann spüre ich Vertrauen – bedingungslos. Dann sehe ich das Leben wie einen Fluss. Und ich sehe mich wie ein Blatt, das sich treiben lässt, ohne Widerstand – ohne Angst – ohne Sorge – voller Vertrauen. Und der Fluss treibt mich dorthin, wo meine ganze Schönheit strahlen kann. Ich brauche nichts dafür zu tun. Ich brauche nicht den Flusslauf auf und abzuschwimmen. Ich brauche nicht zu kämpfen, wie ich es mein Leben lang getan habe. Ich muss die Entwicklung nur zulassen und alles andere geschieht von allein.
Die schwierigsten Rätsel sind oft jene, die am einfachsten zu lösen sind. Denn je näher die Antwort ist, desto leichter kann sie auch übersehen werden. Doch irgendwann fällt jeder Vorhang. Dann stellt sich raus, dass jeder einzelne Moment etwas Besonderes war.
Das Leben stellt dir ständig neue Rätsel und es schreibt jeden Tag neue Geschichten. Öffne deine Augen und schau genau hin, spitze deine Ohren und höre genau zu, denn das ganze Schauspiel wird allein für dich inszeniert. Und es ist das wohl atemberaubendste Schauspiel der Welt.
Deine Texte sind einfach wunderschön und so romantisch, mein Herz erwärmt sich beim Lesen und ich freue mich schon auf mehr.
Vielen Dank dass du uns die Möglichkeit gibst, diese magischen Worte von dir zu lesen.
Vielen Dank Ly-Ling